Liebe, Herz und Verstand

Nach schicksalhaften Zeiten: Landschlachterei Kühn stellt die Weichen auf Zukunft

Fester Blick, gerader Rücken und klare Ansagen: Kay Kühn (l.) und Kevin Quade strahlen Einigkeit und Entschlossenheit aus, denn sie haben ein gemeinsames Ziel. Zusammen stellen sich die beiden Inhaber der Herausforderung, die Landschlachterei Kühn nach schicksalhaften und turbulenten Zeiten in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Wohl wissend, dass sie sich als Chefs des etablierten Familienbetriebs auf ein motiviertes Team und ihr traditionelles Handwerk verlassen können. „Wir alle arbeiten jeden Tag mit Liebe, Herz und Verstand daran, unsere hochwertigen Produkte herzustellen und zu vertreiben. Das ist unsere Leidenschaft“, versichert Kay Kühn.

Wohl den meisten Menschen, die in Eiderstedt leben oder die auf den Wochenmärkten in der Region einkaufen, ist die Landschlachterei Kühn aus Oldenswort ein Begriff. Bereits in der dritten Generation werden in dem Meisterbetrieb Spezialitäten aus heimischem Fleisch hergestellt und verkauft.

Seit dem 1. Januar sind Kay Kühn und Kevin Quade gleichberechtigte geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens. Die Fleischermeister stehen Seite an Seite, haben eine gemeinsame Blickrichtung und gehen heute in die Offensive: „Schluss mit der Gerüchteküche, dem Tratsch und der üblen Nachrede. Wir lassen uns nicht totreden. Dem Unternehmen geht es gut. Es steht auf einem soliden Fundament. Wir sind erfolgreich am Markt positioniert, haben in unsere Räumlichkeiten und Ausstattung investiert, werden uns weiterhin der zeitgemäßen Entwicklung des Betriebes und unserer Mitarbeiter widmen und versuchen, uns stetig zu verbessern. Denn wir sind uns unserer Verantwortung bewusst“, geben sich die Inhaber kämpferisch – und dies aus gutem Grunde.

Nachdem am 28. Mai 2018 ein nächtlicher Brand einen Großteil des Betriebes zerstörte, hat sich viel im Unternehmen und für die dort arbeitenden Menschen verändert. Ausgelöst durch einen technischen Defekt, wurden damals das alte Kerngebäude und das Schlachthaus ein Raub der Flammen, wodurch die hauseigene Schlachtung nicht mehr möglich ist. Seither liefern alle Landwirte, mit denen seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammengearbeitet wird, ihre Rinder und Lämmer nach Husum und ihre Schweine nach Itzehoe, um sie dort schlachten zu lassen.

„Obwohl bereits wenige Wochen nach dem Unglück die Produktion und der Vertrieb wieder aufgenommen werden konnten, mussten wir Mitarbeiter entlassen. Außerdem schied mein Bruder Karsten aus gesundheitlichen Gründen als Geschäftsführer aus. Wenig später haben meine Frau und ich uns getrennt, im Einvernehmen, denn das Wohl unserer Kinder steht für uns an erster Stelle. Danach erkrankte ich, musste mehrere Wochen pausieren. Eine Phase, in der namentlich Susanne Bäcker, Heiko Quade und Hans-Peter Schmidt engagiert das Ruder in die Hand nahmen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Nach meiner Rückkehr habe ich das Gespräch mit Kevin gesucht und mit ihm den idealen Partner und zweiten Geschäftsführer aus den eigenen Reihen gefunden“, fasst Kay Kühn die Ereignisse der letzten Jahre zusammen.

Vom Ehepaar Konrad und Liselotte Kühn in der Nachkriegszeit in Reinbek bei Hamburg als Dorfschlachterei gegründet, übernahmen Sohn Gunther und seine Frau Erika das Unternehmen. Ihr Wunsch nach Expansion führte im Jahr 1982 zur Umsiedlung nach Eiderstedt. Mit drei kleinen Kindern „im Gepäck“ und in Erwartung des vierten Sprösslings zogen die Kühns nach Oldenswort und erwarben den Betrieb von Ernst Spreckelsen in der Dorfstraße 21. Das Unternehmen wuchs kontinuierlich. Im Wohnhaus entstand das angegliederte Ladengeschäft, zahlreiche Märkte, auch in Hamburg, wurden an sechs Tagen in der Woche angefahren. Immer im Fokus: Die eigene Schlachtung von Rindern, Lämmern und Schweinen aus der Region und Herstellung und Vermarktung traditioneller Qualitätsprodukte.

Im Jahr 2011 übernahmen die Brüder Karsten und Kay Kühn die Geschäftsleitung des Familienbetriebs mit knapp 40 Angestellten. „Für mich stand diese Entscheidung nie in Frage. Ich bin mit dem Betrieb groß geworden, habe hier meine Ausbildung zum Fleischer absolviert und durchgehend gearbeitet“, so Kay Kühn. „Es hätte alles so weiterlaufen können, wenn nicht der Tag des Brandes uns alle aus der Bahn geworfen hätte. Auch unsere Pläne, im Gewerbegebiet in einen Neubau zu investieren, mussten wir auf Eis legen“, resümiert der 37-Jährige.

„Dank der Unterstützung unserer Mitarbeiter und der Handwerksbetriebe konnten wir schon nach zweieinhalb Monaten die Produktion und den Verkauf wieder aufnehmen“, erinnert sich Kevin Quade. Der 26-Jährige aus Hennstedt stammt aus einer Fleischerfamilie, mehrere seiner Familienmitglieder sind bei der Landschlachterei Kühn beschäftigt. Er bezeichnet sich selbst als „Eigengewächs“, hat im Hause seine Ausbildung absolviert und ist nach vierjähriger Tätigkeit in der Einzelhandelsbranche zurückgekehrt. Nach dem Besuch der Meisterschule im vergangenen Jahr wurde der Fleischermeister Betriebsleiter und ist heute zweiter Firmenchef. „Ich hatte schon im Alter von 20 Jahren vor, mich selbstständig zu machen. Unsere Zusammenarbeit ist ein absoluter Glücksfall“, ist er sich sicher.

Investitionen in zwei neue Kühlzellen, einen Fußboden, der den EU-Richtlinien entspricht, und ein Kassensystem sind bereits erfolgt. Mit einem Blockheizkraftwerk und der eigenen PV-Anlage produziert der Betrieb zudem klimaneutral. Für die zehn wöchentlichen Markttouren wird weiteres Personal gesucht und freie Ausbildungsplätze warten auf Besetzung. „Wir bleiben unseren Ansprüchen und der Region treu, das sind wir unseren Mitarbeitern, Kunden, Geschäftspartnern und uns selbst schuldig“, bestärken die Unternehmer beim Blick in die Zukunft.

Text/Foto: Raina Bossert