Landwirt Jan Rabeler ist der Oberdeichgraf von Eiderstedt

Wer auf den landwirtschaftlichen Betrieb von Jan Rabeler (50) fährt, wird von einer kleinen Schafherde begrüßt, die leise vor sich hin meckernd auf raschelndem Stroh steht. Ein paar Schritte weiter gackern die Hühner. „Das sind alles Tiere, die meine Frau und ich angeschafft haben, als unsere Kinder noch klein waren“, schmunzelt Rabeler.

Seine Familie bewirtschaftet 200 Hektar Ackerland. Die Kinder Pia (18) und Klaas (15) sind fast erwachsen, doch die Tiere sind geblieben. „Ich mag die Schafe, sie haben etwas Beruhigendes“, verrät der staatlich geprüfte Landwirt. Sehr früh schon hat er die Leitung auf dem Hof seiner Eltern übernommen. „Das war im Jahr 1991. Damals war ich auf der Höheren Landbauschule, als mein Vater mich bat, weiterzumachen. Meine Eltern leben nach wie vor mit auf dem Hof, wir fühlen uns alle ganz wohl in unserem Dreigenerationenhaushalt“, so Rabeler. Sein Vater stammt aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen, in dem seine Familie 500 Jahre lang den ehrenamtlichen Bürgermeister stellte, und so wollte auch der junge Rabeler ein Ehrenamt übernehmen. Naheliegend, dass er als gebürtiger Eiderstedter sich für den Deich- und Hauptsielverband Eiderstedt (DHSV) engagieren wollte. Im Alter von 34 Jahren wurde er mit seiner kommunikativen Art und seinem großen Wissen um die Geschichte des Landes gleich zum Stellvertreter des Oberdeichgrafen gewählt. Seit dem 1. Januar 2007 ist er Oberdeichgraf von Eiderstedt. Seine Devise von Anfang an: „Nur Meckern zählt nicht, man muss auch mal was machen!“

Deichgraf Jan Rabeler. Foto: Sommer

Deichgraf Jan Rabeler. Foto: Sommer

Der DHSV ist unter anderem verantwortlich für eine funktionierende Wasserwirtschaft, und die ist die Grundvoraussetzung dafür, dass auf Eiderstedt die Menschen leben können, ohne nasse Füße zu bekommen und dass die saftigen Weiden und das fruchtbare Ackerland bewirtschaftet werden kann. Der Oberdeichgraf trägt die Verantwortung für ganz Eiderstedt, als Vorsteher des DHSV hat er die Aufsicht über die einzelnen Sielverbände. „Was die Menschen auf Eiderstedt geformt hat, ist ihre Ausdauer“, so Rabeler. Er bezeichnet das Eiderstedter Land als das beste Land in ganz Deutschland. „Wir haben immer Wasser, im Frühjahr schließen wir die Siele und das Wasser bleibt im Land, so haben wir auch in trockenen Sommern in unseren unterhaltenen Gräben Wasser. Bei Starkregen haben wir die Möglichkeit, die Entwässerung zu intensivieren“, so Rabeler. Der DHSV ist für 37.000 Hektar Land und 110 Kilometer Deich (2. Deichlinie) verantwortlich. Im Sommer wird der Wasserstand in Eiderstedt, wie zum Beispiel im Sielverband Katingsiel (4000 Hektar), bei 4,70 Metern gehalten, im Winter bei 4,20 Meter.

 

„Keen nich will dieken, de mut wieken“

Bevor der Schleswigsche Deichband im Jahr 1803 gegründet wurde galt auf Eiderstedt „Keen nich will dieken, de mut wieken“, das heißt: „Wer nicht deichen will, der muss weichen“. Rabeler erklärt das folgendermaßen: „Jeder Bauer war für ein Stück Deich verantwortlich, und wenn er nicht mehr in der Lage war, den Deich wehrfähig zu halten, dann musste er einen Spaten in den Deich stechen. Derjenige, der den Spaten aus dem Deich zog, verpflichtete sich zum „Dieken“ und durfte das Land des Bauern bewirtschaften.“ Mit der Gründung des „Dritten Schleswigschen Deichband“ wurden die Bauern etwas aus der Verantwortung genommen und die Genossenschaft war verantwortlich für die Wehrhaftigkeit der Deiche und eine funktionierende Wasserwirtschaft. Aus dem Schleswigschen Deichband ist im Jahr 1941 der DHSV gewachsen, aus den früheren Deichgrafen sind auf Eiderstedt 17 Verbandsvorsteher (einer davon trägt immer noch den Titel Deichgraf) der einzelnen Sielverbände geworden, die jeweils für ihre Region die Verantwortung tragen. Sie wählen alle sechs Jahre den Oberdeichgrafen, und mit Rabeler wählen sie einen Mann, der für die Belange Eiderstedts eintritt. Oberdeichgraf Rabeler behauptet von sich, dass er absolut kein streitsüchtiger Mensch sei. „Aber diskutieren, das kann ich stundenlang“, sagt der Eiderstedter mit einem Lächeln.

 

In der heutigen Zeit ist der Klimaschutzdeich an der gesamten Nordseeküste unumgänglich

Der DHSV pflegt 900 Kilometer Verbandsgräben. Für die Landeigentümer verbleiben weitere 4.500 Kilometer Entwässerungsgräben. „Und wenn diese nicht spätestens alle zehn Jahre ausgebaggert werden, dann gibt es irgendwann ein Riesenproblem auf Eiderstedt“, so der Oberdeichgraf. Er beschreibt Eiderstedt als eine große Suppenschüssel, bei der die tiefste Stelle in der Mitte liegt. „Dort kann man tatsächlich mal ein bisschen mehr Wasser stehen lassen für die verschiedenen Vogelarten“, sagt Rabeler. Aber wenn am Rand der Suppenschüssel ein Gebiet unter Wasser stehen soll, dann kann das ganz schnell zum Problem für die dahinter liegenden Flächen und Siedlungen werden. Ein weiteres wichtiges Aufgabengebiet ist die zweite Deichlinie. Seit den 1970er Jahren wurde die Wichtigkeit dieser Deiche vernachlässigt. „Als das Orkantief Anatol im Jahr 1999 über die Nordsee fegte, da wurde uns bewusst, dass wir die zweite Deichlinie in wehrhaften Zustand bringen müssen. Bis jetzt hat der DHSV 95 Prozent erledigt und um den Rest kümmern wir uns auch noch”, verspricht Rabeler. In den kommenden Jahren wird der Landesbetrieb für Küstenschutz (LKN.SH) die erste Deichlinie zum Klimadeich ausbauen. Dazu werden vier Millionen Kubikmeter Boden benötigt. Da sind auch die einzelnen Sielverbände involviert, der DHSV erstellt ein Konzept, wie diese Erde naturverträglich beschafft werden kann. Rabeler versichert: „In der heutigen Zeit ist der Klimaschutzdeich an der gesamten Nordseeküste unumgänglich damit wir auch in Zukunft sicher leben können auf Eiderstedt.“

Text/Fotos: Bärbel Sommer