Vom Zugpferd zum Sorgenkind
Gemessen an der Einwohnerzahl von zurzeit rund 180 Bürgern, ist die St. Nikolai-Kirche in Kotzenbüll ein wahrlich prachtvoller Bau von imposanter Größe. Die Kirche stammt aus dem Jahr 1495, wobei der Taufstein noch viel älter ist (vor 1300). Doch leider ist die Kirche seit Dezember 2021 komplett geschlossen und das wird bis auf Weiteres auch so bleiben, sehr zum Leidwesen der Kotzenbüller Einwohner.
Die Kotzenbüller Kirche ist verschlossen und einsturzgefährdet. | Foto: Gieseler
Aus dem Sanierungsprojekt für Eiderstedter Kirchen mit einem Volumen von mehr als 18 Millionen Euro flossen in die Kotzenbüller Kirche rund 700.000 Euro. Das reichte unter anderem für Stützbalken im gesamten Kirchenschiff und einem eisernen Ankerkreuz im Chorraum, die dafür sorgen sollen, dass die Decke nicht einbricht und die Mauern stabil bleiben. Ferner wurden Risse im Mauerwerk, Leckagen im Dach und an den Dachrinnen repariert und defekte Fensteröffnungen gesichert. „Für eine umfassende Sanierung wären circa 4 Millionen Euro nötig“, so Bürgermeister Andreas Jacobs. „Die Kosten für eine umfassende Sanierung sind leider so hoch, dass zunächst nur eine „Sicherung“ des Gebäudes in Frage kam, da ansonsten die finanziellen Möglichkeiten zur Sanierung der übrigen Eiderstedter Kirchen stark eingeschränkt worden wären“, so liest es sich auf der Seite „Eiderstedter Schutzengel“. Die erhoffte Nachfinanzierung des Projektes durch den Bund blieb leider aus. „Das ist natürlich enttäuschend“, resümiert der Kotzenbüller Bürgermeister, sah man doch zu Beginn der Sanierungsphase die Kotzenbüller Kirche als Zugpferd dieses großen Sanierugsprojektes aller Eiderstedter Kirchen. Vom Zugpferd zum Sorgenkind also? „Für uns Kotzenbüller ist es so – bei allem Verständnis für die Situation“, erklärt Bürgermeister Jacobs, der sich seit drei Jahren in der „Projektgruppe Kirchensanierung Kotzenbüll“ engagiert und aus dieser Gruppe berichtet: „Wir haben Ideen und sind im ständigen Austausch mit dem Kirchenkreis. Andere, weitere Nutzungsmöglichkeiten der Kirche wären möglich und denkbar. Aber auch diese weiteren Nutzungsmöglichkeiten setzen eines voraus: Die Tür muss auf! „Das ist die kleinste der Möglichkeiten, die wir Kotzenbüller uns wünschen würden. Auch wenn vielleicht die Stützbalken bleiben, auch wenn es kalt in der Kirche wäre und wenn viele Unbequemlichkeiten vorhanden wären, das würden die Kotzenbüller zunächst gern in Kauf nehmen. Dann könnten zumindest auf kleinster Ebene wieder Trauerfeiern, Taufen, Konfirmationen und Trauungen stattfinden, vielleicht sogar Gottesdienste“, so Andreas Jacobs, der nach wie vor an dieses Projekt glaubt und sich dafür stark macht. Ihm ist es wichtig, das kulturelle Erbe zu erhalten.
Das sieht Pastor Alexander Böhm von der Kirchengemeinde Tönning-Kating-Kotzenbüll genauso und bringt es auf den Punkt: „Für diese kleinste Nutzung fehlt uns die statische Freigabe, die Warft ist instabil und sackt ab. Mir blutet das Herz, es ist unwürdig, die Kirche so zu sehen. Es ist keine leichte Situation, es müssen Gelder her, wir prüfen derzeit sehr viel. Es ist eine große Aufgabe, die uns schon langen Atem gekostet hat und noch längeren Atem erfordert. Wir werden nun zunächst weitere Kunstschätze aus der Kirche sichern, weitere Ideen ausarbeiten und hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, denn eine Entscheidung muss bald her.“ Er gibt allerdings auch zu bedenken, dass eine Finanzierung für die Kirchengemeinde unmöglich ist.
Andreas Jacobs ist ebenfalls Mitglied im Orgelbauverein Kotzenbüll, der sich für den Renovierung der historischen Färber-Orgel der Kotzenbüller St. Nikolai-Kirche einsetzt. Das wertvolle Instrument aus dem 16. Jahrhundert ist zurzeit extern eingelagert, damit es keinen Schaden nimmt. Ob die Orgel nach Kotzenbüll zurückkehren wird und wann, bleibt offen. Zunächst muss es mit der Kirche vorangehen. „Anfangs glaubten wir, mit dieser außergewöhnlich wertvollen Kotzenbüller Orgel können wir unsere Kirche retten. Nun ist es genau umgekehrt“, kommt es von Bürgermeister Jacobs nachdenklich, „die Kirche muss die Orgel retten. Dass das möglich ist, daran glaube ich noch immer.“