Eiderstedts erster Kunstautomat

Christina Hinrichs sorgt für Kreativität im Zigarettenschachtel-Format

Hinter dem Nordseedeich, an der Norderheverkoogstraße 9 in Osterhever, da steht er an einer Hofeinfahrt: Der erste Kunstautomat in Nordfriesland. Das gute Stück wurde von einem schnöden Zigarettenautomat in ein wahres Kunstobjekt verwandelt. Der Potsdamer Künstler Frank Rexin gestaltete den Kasten maritim, seine darauf verewigten bunten Fische leuchten in der Sonne und der Inhalt des Kunstautomaten verspricht eine wahre Überraschung. Jedes einzelne Päckchen, das der Besucher sich für vier Euro ziehen kann, enthält ein kleines Kunstwerk. Alle Objekte sind Unikate – diese kleinen Kunstwunder wurden von 350 nationalen und internationalen Künstlern geschaffen und liebevoll in die Schachtel gesteckt.

Die Einheimischen kennen den Hof und die Hofeinfahrt von Uwe Hinrichs. Bis zum vergangenen Jahr fand seine Schafherde dort ein Zuhause. Anfang dieses Jahres ist seine Tochter Christina Hinrichs an ihren Geburtsort zurückgekehrt – und sie wird an diesem idyllischen Ort ihr Atelier einrichten und eine Galerie eröffnen. Ihre Galerie in der Pfalz ist bereits geschlossen. „Ich habe tatsächlich noch einen großen Koffer in meiner alten Heimat, aber ich bin wieder dort angekommen, wo ich einst Zuhause war und ich freue mich auf eine schöne Zeit, denn ich werde hier im Norden bleiben“, versichert die Malerin und Bildhauerin.

Christina Hinrichs verdankt ihrer verstorbenen Mutter Annegret die Leidenschaft zur Malerei. Bis vor sechs Jahren arbeitete sie als Pädagogin in der Pfalz und hat immer schon die Kunst mit einfließen lassen in ihren Arbeitsalltag. Seit 2015 ist sie selbstständige Künstlerin und nimmt seitdem an dem Projekt Kunstautomat teil. „Es ist faszinierend, wie viele Menschen sich bei mir melden und sich über meine kleinen Kunstobjekte freuen, die sie aus dem Automaten gezogen haben“, sagt die Eiderstedterin. Im Karl-Marx-Jahr 2018, anlässlich seines 200. Geburtstages, fertigte sie gut 1.000 kleine Büsten des Philosophen, und im Fontane-Jubiläumsjahr 2019 legte sie etwa 400 kleine Bücher aus Ton in die Schachtel. Der Schriftsteller wäre in diesem Jahr ebenfalls 200 Jahre alt geworden. „Die Kunstobjekte dürfen nicht größer sein als Platz in der Schachtel ist – und das kann zu einer wahren Herausforderung werden“, verrät die Mittfünfzigerin.

Das Projekt Kunstautomat gibt es seit dem Jahr 2001. Es wurde durch Lars Kaiser von der Agentur Kunsttick.com ins Leben gerufen. Und so, wie es einst verschiedene Zigarettenmarken zum Wählen gab, so gibt es jetzt verschiedene Kategorien, denen der Künstler zugeordnet wird, wie zum Beispiel Internationale Kunst und auch regionale Künstler. Und weil der Automat in Nordfriesland noch einzigartig ist, werden regionale Künstler gesucht, die an dem Projekt teilnehmen möchten. Bewerbungen werden gern entgegengenommen, entweder bei Christina Hinrichs oder direkt bei der Agentur Kunsttick.com, die auf der Suche ist nach Standorten für weitere Kunstautomaten. In jeder Packung befindet sich der Lebenslauf des Künstlers, diese freuen sich über eine Rückmeldung, wann und wo das Kunstwerk gezogen wurde. Und wenn daraus eine nähere Verbindung entsteht und die Künstler eines ihrer Kunstwerke verkaufen können, dann ist ein weiteres Ziel des Projekts erreicht. Die Kunstautomaten wurden zuerst in Berlin und Potsdam ausgestellt, mittlerweile gibt es über 300 Kunstkästen in 30 Städten und fünf Ländern.

Die Künstlerin selbst war die erste Nutzerin des Automaten und probierte vor Ort zwei Kategorien aus: Bei „Küste und Meer“ kam ein Aquarell zum Vorschein, das eine Herzmuschel zeigte, die von Karla Köhler aus Münchberg gemalt wurde – perfekt zur Nordsee, zum Urlaub und zum Träumen. In der zweiten Schachtel befand sich Internationale Kunst, die eine Tuschearbeit auf Büttenpapier von Jeanne van Dijk an Tageslicht brachte und Christina Hinrichs fast sprachlos machte: „Das ist unglaublich, ich bewundere die Arbeiten der international gefeierten Künstlerin so sehr, und jetzt halte ich ein Original in Händen“, freut sich die Überglückliche. Der Warnhinweis auf der Packung lautet: „Diese Kunst kann verwirren, erhellen, aufregen und süchtig machen!” Von glücklich steht da nichts.

Text/Foto: Bärbel Sommer