Der „Marktschreier“ Rainer Martens

Garding ist seine Stadt

Es gibt wohl kaum jemanden in Garding und Umgebung, der ihn nicht kennt: Rainer Martens. Der ehemalige Kröger des Lütt Matten ist seit Oktober 2018 Marketingbeauftragter der Stadt Garding. „Ich bezeichne mich gerne als Marktschreier, der rumposaunt, was bei uns geboten wird, um uns noch bekannter zu machen“, sagt er, hält sich eine Flüstertüte an den Mund und lacht dabei herzlich. Nur damit auch jedem klar wird, dass sein „hörbares Feilbieten und verbales Werben“ nichts mit der ursprünglichen Rolle des Marktschreiers als Scharlatan auf mittelalterlichen Märkten zu tun hat. Ganz das Gegenteil ist sein Ansinnen. Rainer Martens kommt ins Schwärmen, wenn er von sich als Dienstleister für „sein lebendiges Dorf mit Stadtrechten“ spricht, in dem rund 3.000 Menschen leben: „Das ist meine Berufung, denn Garding ist meine Stadt. Es gibt hier eine tolle Gemeinschaft und viele Originale. Und wenn man etwas mag, fällt es ja auch nicht schwer, sich dafür einzusetzen.“

Es sei ein Glücksfall gewesen, den Posten zu bekommen, auch da ihm sein bewegter Lebenslauf in der Region einen hohen Bekanntheitsgrad beschert. „Ich kenne fast jeden, der hier lebt und es fällt mir nicht schwer, auf Leute zuzugehen. Das ist natürlich ein Türöffner, wobei man sagen kann, dass ich vielfach bereits offene Türen einrenne. Die Aktivitäten der Geschäftswelt und der Vereine zu bündeln, das funktioniert, wenn man sich darum kümmert, denn der Informationsfluss ist hier wirklich gut“, sagt der 63-Jährige.

Rainer Martens ist ein Eiderstedter Jung. Geboren in Kirchspiel Garding als Zweitältester von acht Geschwistern bestimmten die unbegrenzten Spielmöglichkeiten seine Kindheit: „Wir sind mit selbst gebauten Flössen auf den Gräben geschippert und dort im Winter Schlittschuh gelaufen. Jeder von uns hatte seine eigene Clique. Da musste man niemanden anrufen, die Freunde waren immer da.“ Er ist froh, dass zu seinen Geschwistern auch heute noch ein guter Kontakt besteht.

Die Schulzeit war für den Jungen keine glorreiche Zeit: „Mit 16 Jahren wurde ich ausgeschult. Ich hatte Flausen im Kopf, die Mädchen waren wichtiger, die Pubertät halt. Es war mir wurscht, was ich lerne“, schmunzelt er. Es folgte, vehement eingefordert von der Mutter, eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei Hans-Georg Nobis in Garding. Und im Anschluss vier Jahre bei der Bundeswehr als Funker und Versorgungsoffizier. Danach arbeitete er für den Gerling Konzern in einer Husumer Niederlassung, wechselte später nach Tönning, um den Bezirksleiter abzulösen, lernte seine erste Frau kennen und wurde erstmals Vater. Anschließend arbeitete Martens viele Jahre für die Provinzial Versicherung, machte 1988 seinen Versicherungsfachwirt und übernahm mit 32 Jahren das Bezirkskommissariat Husum Nord: „Ich war in dem Geschäft eher ein mittelmäßiger Verkäufer. Mir war wichtig, jedem Kunden wieder in die Augen schauen zu können.“

1990 eröffnete er mit seiner zweiten Frau eine Pizzeria in Garding, kehrte wenig später der Versicherung den Rücken und lebte auf: „Unsere Gäste zu bewirten, war genau mein Ding. Sie war in der Küche, ich im Service.“ Zum 1. April 1993 übernahm er die Bewirtung der Dreilandenhalle, begann selbst Gitarre zu spielen, lernte seine dritte Frau kennen, wurde erneut Vater und kaufte 1997 das Gebäude, in dem die Kneipe Lütt Matten für viele Jahre zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde. „Es war mein absoluter Traum, selbst Musik zu machen und Musikern eine Bühne bieten zu können“, sagt er heute.

Gemeinsam mit Knut Kiesewetter erweckte er 1998 die bekannte Gardinger Musikantenbörse zum Leben, gründete zwei Jahre später den Verein Musik für Garding, dessen Vorsitzender er heute noch ist. 2018 verkaufte Rainer Martens das Inventar vom Lütt Matten, um einen Neustart zu wagen: „Ich kann ziemlich gut loslassen.“ Heute lebt er glücklich als Teilzeit-Marketingbeauftragter, genießt seine Freizeit und wartet auf den Zeitpunkt, ab dem er wieder als Musiker auftreten kann. Text/Foto: Raina Bossert