Das Husumer Klinikum ist auf einem guten Weg und sollte wie geplant weiterentwickelt werden. Das Klinikum Niebüll sollte ohne große Veränderungen weiter betrieben werden – unter der Voraussetzung, dass die Kassen einen Sicherstellungszuschlag gewähren. Das Klinikum Tönning ist so defizitär, dass die Schließung kaum zu vermeiden sein wird. Das dort bestehende medizinische Versorgungszentrum soll ausgeweitet werden. So lassen sich die Empfehlungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO an den Kreis Nordfriesland als Träger der Klinikum Nordfriesland gGmbH kurz zusammenfassen.

In November 2015 hatte der Gutachter Karl-Heinz Vorwig dem Kreis eine Analyse und Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des vom Konkurs bedrohten Klinikums Nordfriesland überreicht. Im Dezember 2015 beschloss der nordfriesische Kreistag, diese Empfehlungen von BDO überprüfen zu lassen. Während Vorwig sich auftragsgemäß auf den betriebswirtschaftlichen Blickwinkel konzentriert hatte, nahm BDO auch die Sicherstellung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum stärker ins Blickfeld. Die Ergebnisse stellten der BDO-Projektleiter Frank Jantzen und seine Kollegin Daniela Derscheid am 2. März 2016 in einer nicht-öffentlichen Sitzung im Husumer Kreishaus den Kreistagsabgeordneten, dem Betriebsrat des Klinikums sowie den Vertretern nordfriesischer Städte und Ämter vor.

„Noch ist keine Entscheidung gefallen – das passiert erst am 23. März in einer Sondersitzung des Kreistages“, betont Kreispräsident Heinz Maurus. „Zwar habe ich das Gefühl, dass die Vorschläge von BDO zumindest in Südtondern schon eine Menge Druck aus dem Kessel genommen haben. Auch der Landesrechnungshof hat ja bereits 2013 festgestellt, dass die stationäre und die Notfallversorgung in Niebüll trotz mangelnder Wirtschaftlichkeit vorgehalten werden müssen, weil der Weg zum nächsten Krankenhaus zu weit wäre. Aber nun kommt es auf die Krankenkassen an – noch ist der Sicherstellungszuschlag nicht gewährt.“

In seiner Expertise geht das von Frank Jantzen geleitete Team von Fachleuten zunächst auf die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein, die für alle Krankenhäuser in Deutschland gelten. BDO betont, dass die Anforderungen an Struktur und Qualität weiter steigen und der Druck auf kleinere Häuser wie die nordfriesischen mit ihren 405 Betten und 1.500 Mitarbeitern sich immer weiter erhöhen wird. Der Investitionsstau im Klinikbereich liegt laut BDO bundesweit bei rund 15 Milliarden Euro und wird sich durch die Schuldenbremse der Länder ab 2020 noch verschärfen. Insbesondere Kliniken im ländlichen Raum werden den Fachkräftemangel noch deutlicher zu spüren bekommen als heute: Ärzte, Pflegepersonal, Laborkräfte – praktisch alle medizinischen Professionen werden zu Mangelberufen.

„Der Kreis als Klinikträger steht also – gemeinsam mit den Kassen und dem Land – vor der gewaltigen Herausforderung, die medizinische Grund- und Regelversorgung in einem immer schwieriger werdenden Umfeld zu sichern. Das wird schwer, aber es muss und wird uns gelingen“, ist Landrat Dieter Harrsen überzeugt, mahnt aber auch: „Aber wir müssen ständig zu Veränderungen bereit sein.“

Sollte der Kreistag sich eng an dem BDO-Gutachten orientieren, werden die Auswirkungen der Bundespolitik zunächst die Veränderungsbereitschaft der Eiderstedter Bevölkerung auf die Probe stellen: Insgesamt verbessert sich das Ergebnis der gGmbH bei einer Schließung des Tönninger Hauses um rund 700- bis 800.000 Euro, stellt BDO fest. Der längere Weg nach Husum und Heide sei für die Patienten zumutbar. Einzig die Versorgung von Urlaubern im Sommer werde schwierig: Die Fahrzeit von St. Peter-Ording nach Husum sei mit 39 Minuten zu lang. Allerdings könne die Frist zwischen Notfall und medizinischer Versorgung durch Veränderungen im Bereich des Rettungsdienstes und andere Maßnahmen verkürzt werden.

Auch eine grundsätzliche Alternative wurde geprüft: Das kleine Tönninger Klinikum könnte sich auf die Innere Medizin konzentrieren und zusätzlich eine Geriatrie-Abteilung aufbauen. Doch hierfür sieht BDO mehr Risiken als Chancen – selbst in diesem Modell bliebe Tönning ein Verlustbringer, der das gesamte Unternehmen mit rund einer halben Million Euro jährlich belasten würde.

„Hinzu kommen die durch das neue Krankenhaus-Strukturgesetz nochmals verschärften Rahmenbedingungen, die kleine Krankenhäuser weiter benachteiligen. Wir können nicht ewig gegen die Vorgaben des Bundes arbeiten, da sitzen wir schlicht am kürzeren Hebel“, stellt Landrat Dieter Harrsen mit Bedauern fest. Er verweist allerdings darauf, dass die endgültige Entscheidung dem Kreistag obliegt.

Die besten Entwicklungschancen attestiert BDO dem Husumer Klinikum. Hier soll es weiterhin eine Fachabteilung für allgemeine und eine für die Unfallchirurgie geben, auch die Neurochirurgie soll weiter betrieben werden. BDO hat sich zudem mit der Kritik an der Management-Entscheidung auseinandergesetzt, das sogenannte Verletzungsartenverfahren von Niebüll nach Husum zu verlegen. Die Einschätzung der Fachleute: Die Verlegung des Verfahrens an einen größeren Standort, an dem die notwendigen Strukturen bereits größtenteils vorhanden waren, sei sinnvoll gewesen. Die Disziplinen Unfallchirurgie und Neurochirurgie in Husum würden zukünftig davon profitieren.

BDO rät dem Kreis, In Niebüll die geriatrischen Kapazitäten auszubauen. Die dortige Chirurgie soll nicht in eine Tages-Chirurgie umgewandelt, sondern erhalten werden – ebenso wie die Hals-Nasen-Ohren-Abteilung. Aufgrund der Entfernung zu den nächsten Geburtskliniken bestehe ein Bedarf an einer gynäkologischen Abteilung mit Geburtshilfe in Niebüll. Allerdings stellten zukünftige Qualitätsanforderungen ein erhebliches Risiko dar.

Es gibt eine weitere Möglichkeit zur Zukunftssicherung der Kreis-Krankenhäuser, die in eine völlig andere Richtung geht: Statt die in die Jahre gekommenen Kliniken fortlaufend mit erheblichem Aufwand zu renovieren, könnte man alle drei Festlands-Standorte aufgeben und in der geographischen Mitte des Kreises, also im Raum Bredstedt, neu bauen: Eine neue Klinik könne in optimaler Größe errichtet werden, wäre für Patienten und Mitarbeiter attraktiver und würde die Einhaltung der künftigen Qualitätsvorgaben erleichtern, meint BDO. Eine moderne Bauweise würde

zudem die Wirtschaftlichkeit verbessern. Allerdings setzt BDO ein Fragezeichen bei der Akzeptanz eines solchen Vorhabens bei der Bevölkerung insbesondere in Südtondern und Husum. Zudem müsse das Land bei Baukosten in Höhe von mehr als 65 Millionen Euro erhebliche Fördermittel bereitstellen.

Am 7. und 14. März wird BDO seine Ergebnisse in Niebüll und Tönning öffentlich vorstellen. Parallel dazu beraten die Mitglieder des nordfriesischen Kreistages fraktionsintern sowie in öffentlichen Sitzungen über ihren Umgang mit dem neuen Gutachten. „Wir alle sind gefordert, uns intensiv mit der komplexen Materie auseinanderzusetzen und zu verantwortungsvollen Entscheidungen zu kommen“, sagt Kreispräsident Heinz Maurus. Einen großen Streit zwischen den Parteien werde es sicherlich nicht geben: „Die Sicherung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung ist zu wichtig, um zum Gegenstand kleinlichen Gezänks zu werden. Vor dem Hintergrund des drohenden Konkurses erwarte ich, dass alle Fraktionen die Lage nüchtern analysieren und am 23. März realistische Beschlüsse fassen, auch wenn die vielleicht nicht jedem Bürger gefallen werden.“ (Pressemitteilung Kreis Nordfriesland)

Eine Antwort

  1. Gudrun u. Manfred Weisel

    Sehr geehrter Herr Landrat Harrsen, liebe CDU Nordfriesland und Dithmarschen Nord.

    Wer sein politisches Handeln nur für Teile der Menschen Nordfrieslands ausrichtet, ist den Aufgaben eines Landrates und eines Kreispräsidenten wohl nicht gewachsen. 12000 Bürger auf Eiderstedt einfach ohne stationäre Krankenhausversorgung zu belassen, ist verantwortungslos, egal was die Gutachter der Firma BDO sagen. Gesundheitliche Grund- und Notversorgung ist noch immer die Bringschuld staatlicher Gesundheitsfürsorge am Bürger. Jedes Gutachten hat auch einen Auftraggeber, es wäre töricht das Gutachten nicht im Sinne des Auftraggebers zu verfassen. Die Auftraggeber möchten für ihr weiteres Vorgehen nur die Bestätigung dafür erhalten, was längst beschlossene Sache ist, völlig neutral natürlich. Was geht nur in den Köpfen der Verantwortungsträger im Kreis vor, dort war es doch längst beschlossene Sache, dass die Klinik Tönning geopfert werden soll.
    Beschwichtigungsversuche der Kreisverantwortlichen über die Gutachterschiene lösen allein das Problem für das Krankenhaus Tönning nicht auf. Es ist wie immer, die schlichte politische Hinhaltetaktik für die betroffenen Bürger, ihnen den Wind aus den Segeln nehmen, sie beschwichtigen, Beispiele hierfür waren auch: Stuttgart 21, BER, Elbphilharmonie, Pegida und Flüchtlingskrise. Nur verantwortlich für die Versäumnisse und Fehlplanungen vergangener Kreis- und Landesregierungen möchte keiner sein! Jetzt auf einmal stehen die Mitarbeiter und die betroffenen Bürger der Region Eiderstedt vor dem ultimativen Aus. Außen vor bleiben all die Verantwortungsträger die diese Situation erst zuließen, Landrat und die politischen Funktionsträger im Kreis. Schon unter dem damaligen CDU Ministerpräsidenten Uwe Barschel betonte die damalige Sozialministerin im Land Schleswig Holstein, Ursula Gräfin Brockdorff, der Landesregierung sei es wichtig, kleine ortsnahe Krankenhäuser zu erhalten. Der damalige Eiderstedter Probst formulierte es dann so: Die Patienten lernten zudem die Vorzüge eines kleinen Krankenhauses zu schätzen „in dem man nicht seine Seele an der Garderobe abgeben muss“. Wie recht hatten sie beide mit dieser Einschätzung.
    Heute, in Jahre 2016, stellt sich den Bürgern die christsoziale Gesundheitsfürsorge recht einfach dar, unter dem Strich müssen schwarze Zahlen stehen, neue Schulden machen geht nicht, es sei denn sie brauchen eine Diätenerhöhung. Kredite oder Landesbürgschaften zum Zwecke einer optimalen Gesundheitsfürsorge im Land, das geht einfach nicht, Sozialverantwortung bedarf der Ganzheitlichen gesellschaftlichen Betrachtung. Um so gravierender treffen uns Presseveröffentlichungen, auch von gestern und heute in den print Medien, wo im gleichen Atemzug mit den Gründen für die Schließung des Krankenhauses Tönning, auch Aussagen fallen, wie wenn nötig, auch andere Partner mit ins Boot holen zu wollen oder gar einen Krankenhausneubau in Bredstedt in Betracht zu ziehen, das ist Fürsorge pur, Logik a` la CDU. Welchem interessierten Klinikbetreiber hält der Kreis hier die Tür auf? Wer den mit der Schließung verbundene Arbeitsplatzabbau in Tönning vorsorglich nicht erwähnt, legt nicht alle Karten offen. Auffällig für den Betrachter bleibt, trotz aller Bekenntnisse der Verantwortlichen, das immer wieder Steuergelder dem Zweck entfremdet werden und dies, mit oft sehr fadenscheinigsten Begründungen. Meist sind es irgendwelchen Bündnisverpflichtungen am Hindukusch oder am Horn von Afrika, im Mittelmeer oder zur Sicherung der EU Außengrenzen. Steuergeld für die dringend benötigten Reformen der Gesundheits- und Sozialreformen fallen in der Regel irgendwelchen Sparmaßnamen zum Opfer. Schon in den 80ziger Jahren stand die Wirtschaftlichkeit der Gesundheitspolitik im Vordergrund, nicht das Wohl der Patienten. Wir fragen uns in aller Beschaulichkeit, wie konnte es dann trotz aller Kenntnis zu dem verhängnisvollen Bettenabbau im Krankenhaus Tönning kommen? Zwei Stockwerke zu schließen und dann die übriggebliebenen 29 Betten als alleinigen Grund für die Unrentabilität ins Feld zu führen, das ist doch mehr als aberwitzig. Patienten in den Fluren des Krankenhauses Husum liegen zu lassen, kann doch nicht als die alleinige Lösung angestrebt werden. Wir haben uns die Gesundheitsfürsorge der CDU immer etwas
    sozial- gerechter vorgestellt, auch im Alter, es betrifft uns jetzt sehr..

    Gudrun und Manfred Weisel Lehe

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