Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, erhalten Flüchtlinge in Deutschland
monatliche Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ihre Höhe
entspricht 90 Prozent der Arbeitslosengeld II (ALG II)- Sätze. Nach
erfolgreich durchlaufenem Asylverfahren haben sie wie Langzeitarbeitslose
einen Anspruch auf ALG II – und die Chance, sich eine Existenz in
Deutschland aufzubauen.

»Noch besser wäre es allerdings, wenn sie schon vor dem Ende des Verfahrens
einen Arbeitsplatz hätten«, erklärt Landrat Dieter Harrsen. Um dies zu
erreichen, hat der Kreis Nordfriesland sich um Fördermittel aus dem Projekt
»Mehr Land in Sicht – Arbeit für Flüchtlinge in Schleswig Holstein« beworben
und den Zuschlag erhalten.

Das Projekt wurde im Fachdienst »Arbeitsmarkt und Integration« der
Kreisverwaltung angesiedelt. Lars Treptow heißt der Mann, der es umsetzt.
Seit dem 1. Dezember 2015 führt er im Husumer Kreishaus Gespräche mit
Flüchtlingen, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. »Meine Klienten
sind bis in die Haarspitzen motiviert. Einige Frauen sind dabei, doch bei
den meisten handelt es sich um Männer bis 35 Jahre. Sie lernen schnell
deutsch und wollen unbedingt arbeiten, um ihre zurückgebliebenen Familien
unterstützen zu können«, stellt Treptow fest.

Seine Klienten werden von der Migrationssozialberatung des Kreises oder den
Sozialzentren an ihn weitergeleitet. Treptow füllt mit ihnen einen
englischsprachigen Fragebogen mit den wichtigsten Daten aus: Name, Alter,
Ausbildung, Beruf, Lebenslauf. Regelmäßig zieht er das vom Bund ins Leben
gerufene »IQ Netzwerk« hinzu, das wöchentliche Sprechstunden in Husum
anbietet. Dort arbeiten Fachfrauen, die sich um die Anerkennung
ausländischer Ausbildungs- und Berufsabschlüsse kümmern.

Trotzdem ist es kaum denkbar, dass etwa ein Syrer seine in der Heimat
erfolgreiche Berufstätigkeit nahtlos in Deutschland fortsetzt. Zu groß ist
anfangs die sprachliche Hürde, zu unterschiedlich sind die Arbeitsweisen.
»Wir haben es hier eher mit den Fachkräften von übermorgen zu tun. Viele
Arbeitgeber sind durchaus interessiert, aber ohne einen Grundstock an
Deutschkenntnissen und eine fachliche Weiterqualifikation läuft nichts«,
betont Treptow.

Für den Anfang setzt er deshalb auf Sprachkurse und Praktika, die bis zu
drei Monate dauern können. Daneben sucht Lars Treptow den direkten Kontakt
mit Arbeitgebern. Sein Ziel ist es, Flüchtlinge und Arbeitgeber
zusammenzuführen. Zu diesem Zweck betreibt er eine intensive
Öffentlichkeitsarbeit, stellt sich und seine Aufgaben bei
Unternehmer-Veranstaltungen vor und plant einen Besuch der Hotel- und
Gaststättenmesse in Husum.

»Ich hoffe, dass sich möglichst viele Arbeitgeber melden«, erklärt Treptows
Chef, Axel Scholz. Er leitet das Jobcenter in der Kreisverwaltung. »Meine
Idealvorstellung wäre es, zumindest arbeitsmarktnahe Flüchtlinge in Lohn und
Brot zu bringen, bevor ihr Asylverfahren endet.«

Klappt das nicht, wird Lars Treptow seine Unterlagen über die Qualifikation
der Migranten an die Personalvermittler in den Jobcentern der Sozialzentren
abgeben. Sie kümmern sich um die Arbeitsvermittlung nach Ende des
Asylverfahrens, soweit die Flüchtlinge eine Aufenthaltserlaubnis und somit
Arbeitslosengeld II-Leistungen erhalten.

»Aufgrund der Flüchtlingswelle dauern diese Verfahren momentan viel länger
als früher. Da Herr Treptow sich nicht um jeden kümmern kann und das
Jobcenter erst nach Ende des Verfahrens tätig werden darf, entstehen für
etliche Flüchtlinge kaum erträgliche Zeiten erzwungener Untätigkeit«,
kritisiert Landrat Dieter Harrsen. »Deshalb fordere ich das Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge nachdrücklich auf, das Asylverfahren wieder
deutlich zu beschleunigen.«

Angesichts des demographischen Wandels hofft Harrsen, dass viele Flüchtlinge
sich in Nordfriesland eine Existenz aufbauen und dauerhaft bleiben. »Es ist
absolut kontraproduktiv, wenn die Bundesebene jetzt das Signal aussendet,
alle Flüchtlinge müssten in ihre Herkunftsländer zurückkehren, falls die
Bürgerkriege dort irgendwann mal enden. Integration bedeutet, den Menschen
eine Perspektive zu bieten und nicht, sie viele Jahre lang im Ungewissen zu
lassen«, erläutert Harrsen.

Eine Möglichkeit bleibt allerdings selbst abgelehnten Asylbewerbern, die zum
Beispiel aufgrund der Verhältnisse in ihrem Heimatland in Deutschland
geduldet werden: Durchlaufen sie eine Ausbildung und suchen sich einen Job,
von dem sie leben können, besteht Aussicht auf eine dauerhafte
Aufenthaltserlaubnis.

Das Netzwerk »Mehr Land in Sicht!« wird vom Paritätischen Schleswig-Holstein
und dem Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V. koordiniert und durch das
Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds
gefördert. Das nordfriesische ist eines von insgesamt sechs Projekten des
Netzwerks im »echten Norden«.

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Tönning
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Eider-Kurier (Redaktion)

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