Fast Food im Spülsaum

Martin Kühn (49) nimmt die Natur mit scharfen Sinnen wahr: Zarteste Vogelrufe lassen ihn wissend aufhorchen und mit dem Fernglas erkennt er Vögel, die Kilometer entfernt sind. Der feinsinnige Nationalpark-Ranger mag die winterliche, ihm fast arktisch anmutende Stimmung, die er zurzeit in den Salzwiesen des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer spürt, die wie Schneegestöber wirkenden Flüge der Schneeammern, die immerwährende Unruhe der Berghänflinge und die klirrenden Rufe der Ohrenlerchen. Obwohl größte Teile ihrer Bestände im Wattenmeer überwintern, sind sie unauffällig, den meisten unbekannt und kaum erforscht.

 

Die drei Arten brüten in den Tundren Fennoskandinaviens und Nordsibiriens, die Schneeammer ist sogar der am nördlichsten vorkommende Singvogel weltweit. Im Winter fressen sie Sämereien. Weil Samenpflanzen oft nur in bestimmten Gebieten vorkommen, konzentrieren sich dort dann auch die Vögel. „Die fetthaltigen Samen bedeuten pure Energie. Sie steht den Tieren rasch zur Verfügung. Fast Food für Vegetarier“, schmunzelt Martin Kühn.

 

Die Konzentration der Nahrung führt dazu, dass die Vögel bei uns in Schwärmen von meist 20 bis 500 Tieren auftreten. „Wenn eine günstige Nahrungsstelle ausfindig gemacht wurde, können gleich alle sie nutzen. Der Einzelvogel selbst profitiert von der erhöhten Wachsamkeit aller gegenüber Greifvögeln – und der im Schwarm geringeren Wahrscheinlichkeit, ihnen zum Opfer zu fallen. Trotzdem kann ein plötzlich über den Deich jagender Merlin sein Ende sein. So wie seine Beute zieht auch der kleine Falke im Winter an unsere Küsten“, weiß Kühn.

 

Der Spülsaum seeseits der Deiche ist das wichtigste Nahrungsgebiet der drei Singvogelarten, die gelegentlich auch zusammen angetroffen werden. In den davor liegenden Salzwiesen wachsen Queller, Strandsode und Keilmelde, deren Samen die Hauptnahrung der Ohrenlerchen und Berghänflinge sind. Winterliche Fluten treiben ihre Samen bis zum Deich. Am Deichfuß konzentrieren sie sich und bleiben zurück, wenn Kühns Kollegen vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN.SH) den groben Treibsel längst abgeräumt haben.

 

Obwohl die drei Arten eine gewisse Ortstreue aufweisen, zeigen alle ein unstetes Verhalten: Meist fressen sie nur wenige Minuten an einem Ort, dann fliegt der Trupp weiter, aufgescheucht durch wirkliche oder vermeintliche Feinde oder durch die mitreißende Unruhe eines Einzelnen. Die Bestände dieser Arten sind daher schwer zu ermitteln. Soweit bekannt leben 4.000 bis 12.000 Ohrenlerchen und 38.000 bis 75.000 Berghänflinge in Europa, für die Schneeammer gibt es keine entsprechenden Angaben. Etwa 1.500 Ohrenlerchen, 4.600 Berghänflinge und 4.300 Schneeammern überwintern an der Westküste Schleswig-Holsteins. Das sind sehr hohe Bestandsanteile, die das 1-Prozent-Kriterium für international bedeutsame Populationen deutlich übertreffen.

 

Der Winterlebensraum der drei Arten war durch die Eindeichungen im vergangenen Jahrhundert und die flächendeckend intensive Beweidung eingeschränkt worden und hatte zum Rückgang der Winterbestände geführt. Seit den 1990er Jahren profitieren sie aber von der damals im Nationalpark begonnenen Verminderung der Salzwiesenbeweidung. Heute wird die Hälfte der Salzwiesen an der Westküste Schleswig-Holsteins nicht mehr beweidet. Die Qualität des Winterlebensraumes von Schneeammern, Ohrenlerchen und Berghänflingen wurde so verbessert, ein echter Nationalparkeffekt. In den vergangenen Jahren werden allerdings bei den drei Arten Rückgänge der Brutbestände vermutet, die auch im Wattenmeer spürbar sind.

 

Informationen zu den Arten:

 

Schneeammer (Plectrophenax nivalis)

16 – 18 cm. Brütet auch hochalpin. Geschlecht und Alter der Vögel sind wegen des auffällig weißen und schwarzen Gefieders unterscheidbar. Die Winterbestände schwanken stark. Am Boden fressend rollt der Trupp förmlich über die Salzwiese. Truppgröße meist 20 – 200 Tiere.

 

Ohrenlerche (Eremophila alpestris)

16 – 19 cm. Geschlecht und Alter zurzeit nicht unterscheidbar. Charakteristische schwarzgelbe Kopfzeichnung und Federöhrchen. Truppgröße meist 30 – 50 Tiere.

 

Berghänfling (Carduelis flavirostris)

13 – 14 cm. Geschlecht und Alter zurzeit nicht unterscheidbar. Gelblicher Schnabel. Sehr unruhig. Truppgröße meist 100 – 400 Tiere. Aus den Innenstädten von Hamburg und Berlin sind Schlafplätze an hohen Gebäuden und in Alleebäumen bekannt.

 

 

Veranstaltungshinweis

 

 

Martin Kühn wird das Leben der kleinen Wintervögel bei einer speziell auf diese Arten ausgerichteten, öffentlichen Exkursion erläutern:

Termin:                       Sonntag, den 12. Februar, 10:00 – ca.12:30 Uhr

Treffpunkt:                 Amsinckhaus, Sönke-Nissen-Koog 36a, 25821 Reußenköge

Ausrüstung:                Feste Schuhe, winddichte und warme Kleidung, möglichst Fernglas

 

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Tönning
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Eider-Kurier (Redaktion)

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